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Mittwoch, 11. Februar 2009

Das Maßmodell III


"Der Dreiknopfsakko mit kurzem Revers. Unter den einreihigen Modellen ist der Sakko, bei dem von drei Knöpfen nur der mittelste geschlossen und der oberste von dem Revers überrollt wurde, seit vielen Jahren zweiffelos die populärste Form gewesen. Unter dem Einfluß des Edwardian-Style gibt man nun aber auch ihm insofern eine andere Front, als man den obersten Knopf nicht mehr von den Revers überrollen läßt, diese also kürzer hält. Trotzdem wird hier nur der mittlere Knopf geschlossen.

Die zweireihige Weste ohne Umschlag ist eine Neuheit der Auslandsmode. Da man gerade jetzt einreihige Westen wieder mit Chrochet arbeitet, verwundert diese Abänderung zunächst. Man ist hier aber von dem Gedanken ausgegangen, daß durch einen Westenumschlag bei geschlossenem Sakko Überschneidungen entstehen, die nicht vorteilhaft wirken.



Sportlicher Dreiknopfsakko. Falls man sich bei ihm nicht überhaupt für die besonders neuartige, aber auch dem Modewechsel mehr unterworfene geschlossene Front entscheidet, trägt man auch hier der neuen Tendenz durch kürzere Revers Rechnung. Der Brusttasche mit Patte zuliebe erhalten hier auch die aufgesetzten Seitentaschen Klappen. Die beiden Rückenschlitze lassen den neuen Jahrgang erkennen."
(c) Herrenjournal 1951

Montag, 12. Januar 2009

Herrenjournal XV: Inoffiziell und doch 'angezogen'. Die Aufgaben des zweireihigen Smokings

Im dritten Teil unser in Kleinauflage erschienenen Serie über die unterschiedlichen Spielarten der Abendgarderobe wollen wir nun dem zweireihigen Smoking seinen gebührenden Platz einräumen. Zwar wird man zu manch einer der damals ausgesprochenen Empfehlungen heutzutage weniger förmlich erscheinen wollen, die Grundaussage aber bleibt: Wir sollten die Anlässe wieder mehr zu würdigen wissen, und das drücken wir nach außen hin am wirksamsten durch unsere Kleiderwahl aus. Viel Spaß bei der Lektüre!

"Die Aufgaben des zweireihigen Smokings

Der zweireihige Smoking ist nicht nur eine einfache Variation seines einknöpfigen Bruders. Wäre er nur das, so hätte er sicher schon nach kurzer Zeit ausgespielt, denn jeder würde in diesem Fall stets die ursprüngliche Form des Smokings vorziehen, weil sie mit ihrer größeren Hemdbrust dekorativer wirkt. Gerade der üppige Pikee-Einsatz ist es andererseits aber wieder, der dem einreihigen Smoking gewisse Grenzen setzt. Er bindet ihn an die gleiche späte Stunde, wie sie dem Frack vorgeschrieben ist, und er hält ihn außerdem aus dem Kreis jener fern, denen der Sakko für den Abend genügt. Der zweireihige Smoking ist da weniger engherzig. Seine sich schon ziemlich hoch überschneidenden Revers lassen von dem Hemdeinsatz nicht mehr sehen als bei irgendeinem Sakko. So fällt der zweireihige Smoking, zumal er hauptsächlich mit Umlegekragen getragen wird, in der Gesellschaft dunkler Anzüge kaum auf, was ihm außerdem auch die Möglichkeit schafft, sich schon vor dem Abend zu zeigen. Allerdings ist er noch nichts für den 5-Uhr-Tee der Hotels, immerhin kann er aber bei einem Bridgenachmittag in einem Privathaushalt bereits in Aktion treten, wenn sich ein Imbiß anschließt. Darüber hinaus ist der zweireihige Smoking der gegebene Anzug für alle Gelegenheiten, bei denen man neben Abendgarderobe auch Sakkos vermutet. Unter sich sind beide Smokingmodelle natürlich gleichberechtigt. Spielt an einem Abend aber der Frack die Hauptrolle, dann ist für den zweireihigen Smoking, weil er nicht mit einer weißen Front aufwarten kann, die Lizenz aufgehoben.

Für die Stellung des zweireihigen Smokings ist bezeichnend, daß man ihn im Ausland als "semiformal" charakterisiert hat. Er ist infolgedessen auch hauptsächlich mitternachtsblau.




Selbstverständlich kann zum zweireihigen Smoking, genau wie zu jedem korrekten dunklen Sakko, auch der Klappenkragen getragen werden. Sein Hut ist der Homburg.


Gelegenheiten für den zweireihigen Smoking:

- Abendgesellschaften
- Bar
- Boxkämpfe
- Bridgeeinladungen
- Cocktaileinladungen
- Filmpremieren
- Herrenabende
- Kabarett
- Klubabende
- Konzerte
- Oper
- Reitturnier (Zuschauer am Abend)
- Spielsaal
- Sportfeste am Abend
- Taufe
- Theater
- Varieté
- Weinrestaurants
- Zirkus"

(c) Herrenjournal 1936

Samstag, 13. Dezember 2008

Das Maßmodell I


"links: Das vornehme Tailleurkostüm für die Stadt ist aus pastellfarbenem Gabardine gearbeitet und hat elegante lange Revers. Sofern es nicht auf einen Knopf gearbeitet wird, der dann etwas unterhalb der Taille liegt, ist deshalb der obere Knopf überrollt. Ziemlich obligativ ist jetzt hier die Brusttasche, da man sie heute gerne zur Akzentuierung benutzt.

rechts: Von demselben Gedankenwie beim Einreiher mit Einknopffront geht man auch bei diesem Zweireiher aus, um ihm schon im Schnitt ein besonders sommerliches Aussehen zu geben. Er wird ebenfalls - in Höhe des Tascheneinschnittes - nur mit einem Knopf geschlossen, und mann unterstreicht dies durch eine klare Trapezstellung.


links: Der moderne Campusstil des Herrn - Tweedjackett kombiniert mit Flanell- oder Gabardinebeinkleid wird im sportlichen oder ländlichen Milieu und im Gebirge ziemlich ähnlich auch von der eleganten Frau übernommen. Vorgezogen wird hier gegenwärtig die hochgeschlossene Front. Der Kragen kann durch die sogenannte Golflasche zugeknöpft werden.
rechts: Im Gegensatz zum Campusstil wird der Knickerbockeranzug stets aus einheitlichem Material gefertigt. Man wählt hier auch keine Norfolkfassons, die - eine echte Laune der Mode - heute mehr den langen Beinkleidern vorbehalten sind, sondern einen unkomplizierten Stil, schlichte, meist jedoch schräge Taschen und unbedingt lange Schlitze."
(c) Herrenjournal 1951

Donnerstag, 11. Dezember 2008

Herrenjournal X: Blau für den Interimssakko

"Wenn man mit seiner Garderobe für alle Gelegenheiten gerüstet sein will, dann ergibt sich immer wieder, daß man unbedingt einen Anzug braucht, der zwischen dem üblichen Tagessakko und dem Abenddreß rangiert, einen Anzug also, der zurückhaltend in Farbe und Dessin ist. Diesen Anspruch erfüllt am besten natürlich der schwarze Sakko. Mit silbergrauem Langbinder macht man mit ihm eine gute Figur bei Konferenzen, und mit schwarzer Krawatte hat man ihn ihm einen richtigen Anzug bei Trauerfällen. Gibt man ihm aber eine diskrete Schleife, dann ist er wie geschaffen für kleine Tänzereien oder Theaterabende, für die der Smoking aus irgendeinem Grunde zu anspruchsvoll ist.
Aber mit diesem schwarzen Sakko hat es einen Haken. Man hat doch im allgemeinen zu wenig Verwendung für ihn. Und so ist er an sich eine kostspielige Angelegenheit. Fast gar nicht kann man ihn ja für die Tagesarbeit benutzen. Ganz sicher wird man dann nämlich immer wieder gefragt: "Was haben Sie denn heute vor?" Und tatsächlich hat man in diesem offiziellen Anzug zu den Lasten, die einem der Tag auferlegt, zuviel Distanz, so daß die Arbeit in ihm meist nicht flott genug von der Hand geht.
So kommt man also für diese Verwendung auch jetzt erneut zurück auf den dunkelblauen Sakko, da er eigentlich überall den Platz einnehmen kann, den die Mode an sich für den schwarzen Sakko bestimmt hat. Denn er ist diesem überlegen, weil er sich auch durchaus mit farbenfreudigem Beiwerk kombinieren läßt, so daß er dann in keiner Weise mehr einen offiziellen Eindruck macht und man ihn infolgedessen wie jeden anderen Tagessakko verwenden kann.
Wie oft hat die Mode schon versucht, für den "Interimssakko" irgendeinen anderen Vorschlag zu machen. Aber nach kurzer Zeit schon hat sie dann stets ihre Idee wieder aufgegeben. Jedenfalls hat in diese Mission weder der graue Anzug restlos befriedigt noch der braune. Jener nicht, weil man ihn zu dunkel wählen müßte, wodurch er leicht das Aussehen eines Altherrenanzugs bekommt, dieser aber nicht, weil er selbst im Havannaton für Abendveranstaltungen doch noch zu farbig ist. Bei dem marineblauen Sakko aber wird man diesen Einwand nicht erheben, denn er sticht in der Farbe ja kaum ab von dem Mitternachtston der Smokings (s. Abbildung)."


(c) Herrenjournal 1951

Samstag, 18. Oktober 2008

Die Sakkotypen des Frühjahrs II: Der Stadtzweireiher

Während bei den einreihigen Anzügen die Meinungsverschiedenheiten darüber noch weiter bestehen, ob der formlosen amerikanischen Silhouette mit den Hängeschultern oder dem englisch orientierten Stil mit den strengen Konturen der Vorzug gegeben werden soll - in der Debatte hierüber ist es im übrigen kürzlich sogar in den USA zu einem "Unentschieden" gekommen - scheidet diese Frage bei dem zweireihigen Sakko eigentlich so gut wie ganz aus. Mit seiner doppelten Knopffront, die ja immer etwas an der Taillenbetonung interessiert ist, verträgt sich eben die saloppe amerikanische Auffassung nicht. So ist es denn nicht verwunderlich, daß bei dem Zweireiher, nachdem hier eine Zeitlang die Tiefknopfstellung der Yankees den Ton angegeben, sich allmählich wieder der englische Geschmack durchsetzt. Die Knopfreihen machen nun also vorwiegend Halt in Höhe des Tascheneinschnittes, und dabei überwiegt dann sogar die Standardform, bei der nur der mittlere Knopf geschlossen wird, ohne daß sich deswegen aber die Reverslänge verkürzt, da man den Kragen verhältnismäßig kurz hält. Neben dem hochangesetzten Revers sind es dann noch die zur Zeit hier fast unerläßliche Billettasche und die langen Seitenschlitze, die den Zweireiher trotz der konservativen Schablone zu einem Modell up to date machen.


Beim Beiwerk fällt das come back des weißen, oft gerundeten steifen Kragens auf, auch zum pastellfarbenen Hemd. Hut im Homburgstil, dementsprechend ruhige Krawatte, etwa Medaillondessins, sowie seriöse Strümpfe; bei schwarzem Hut auch schwarze Schuhe.

Eine gewisse Veränderung erfährt dieser Anzugstyp nun auch noch dadurch, daß man be ihm weit weniger als bisher prägnante Streifen sehen wird, sondern kleine Figuren, die aber mit farbigen Effekten - sogar als Fensterkaros - kombiniert sind. Die Grundtendenz bleibt deswegen sogar bei diesem Sakkotyp seriös. Das Ausland stellt ihn darum auch ausdrücklich als "Aprés-midi-Anzug" heraus. Was dann wieder ganz bestimmte Hinweise für das Beiwerk ergibt. Am auffälligsten ist dabei die Rückker des weißen gesteiften Kragens, auf den man insofern noch besonders aufmerksam wird, als er hier neuerdings mit abgerundeten Ecken auftritt und vielfach aufgeknöpft auf ein pastellfarbenes Hemd. Das gibt eine sehr distinguierte Kombination, der man bei der Krawatte am besten durch abgesetzte Figuren oder Medaillons gerecht wird. Ein heruntergeklappter Hut hat dabei dann natürlich nichts zu suchen, denn in diesem Ensemble hat ein Recht allein die moderne Camberform, zum Teil in Mitternachtsblau und dann mit schwarzen Halbschuhen.



Mittwoch, 8. Oktober 2008

Herrenjournal VII: Was gibt es heute für Revers?

1. Kerbrevers mit langem Aufschlag; 2. "Knizerevers" mit abbrechender Spiegelnaht; 3. Fallende Revers in der gestutzten Mayerlingform

"Die Frage der Revers - in den letzten Jahrzehnten durch die einreihige und zweireihige Schablone beinahe ganz unkompliziert -beginnt neuerdings wieder recht interessant zu werden. Fast wie in der Zeit zwischen Empire und Zweitem Kaiserreich, als sich die Phantasie zwischen Kragengrenze und Rockaufschlag in vielerlei Einschnittsformen auslebte. Denn schon gibt es heute bei den Revers für den sachverständigen Blick des Fachmannes wieder rund 20 Variationen.
Gegenüber der Biedermeierzeit sind diese aber nicht Produkte eines augenblicklichen Einfalls, der sie bald hier bald da verwendet, sondern in der Hauptsache aus stilistischen Erwägungen heraus geboren. Ganz unwillkürlich hat sich das ergeben, nachdem in den letzten Saisons besonders bei den Jacketts allerlei Fassons hinzugekommen sind, mit neuen Ansprüchen und Ideen, und man auf diese Weise die Details bei den einzelnen Anzugarten genauer präzisiert und gegeneinander abgregrenzt hat. Die Revers aber sind bei dieser Differenzierung eines der markantesten Mittel, denn die Skizzierung ihrer Fasson genügt bereits als Anhaltspunkt dafür, mit welcher Art Kleidungsstück man es zu tun hat. Wohlgemerkt, bei etwa zwanzig verschiedenen Reversformen.


4. Golfrevers mit angeschnittener Lasche; 5. Sliponrevers

Besonders interessant ist diese kleine Reversgrammatik jetzt dadurch geworden, daß es sich allmählich als zweckmäßig erwiesen hat, für die einzelnen Reversarten nach bestimmten Namen zu suchen, durch die man sie ohne weiteres voneinander unterscheiden kann. Und zwar ganz unabhängig von dem modischen Moment, das bei den Revers selbstverständlich auch häufig wechselt - hier beispielsweise bald "Kehlrevers", bald "Bogenrevers" propagiert - und das oft genug zum charateristischen Ausdruck einer Saison geworden ist. Bei den Stilfragen aber handelt es sich um mehr.


6. Transformable Revers; 7. Französisches Phantasierevers à la Danton für Jagdjacketts

Die hier entscheidet ja nicht ein vorübergehendes Modediktat über die Form, sondern eine teils aus praktischen, teils aus ästhetischen Ansprüchen entwickelte Logik, durch die man für die Revers zunächst zu einer Einteilung in fünf Gruppen kommt. Deutlich unterscheiden sich da voneinander: die fallenden Revers, die steigenden Revers, die transformablen Revers, die Zwitterrevers und die Phantasie- oder Spezialrevers. Und alle diese fünf Gruppen haben nun wieder ihre verschiedenen Variationen. Selbst die an sich so einfach konstruierten fallenden Revers.
Je nachdem nämlich ihre Kanten eckig verlaufen oder abgerundet sind, spricht man hier jetzt von Kerb- oder Kurvenrevers (in der Damenmode "Cupidorevers"), wobei man jene mehr für die längeren Formen, diese mehr für die höher geschlossenen Sakkos vorsieht. Daneben hat sich dann das nur in der Taille geschlossene Dreiknopfjackett auch noch die Rollrevers reserviert. Und nicht ganz unwichtig ist bei den fallenden Revers auch der Winkelgrad, in dem sich Kragen und Aufschlag treffen. Denn für die Mayerlingform, die man jetzt - als Resonanz gewissermaßen auf die transformablen Kragen des modernen Norfolks - hier und da bei dem Einreiher zu sehen bekommt, schneidet man die Reverskerbe mit Überlegung nicht, wie vorwiegend beim Zweiknopfsakko, rechtwinklig, sondern spitzwinklig ein, was dann auch den Verlauf der Spiegelnaht beeinflußt. Sie bildet nun hier nämlich nicht die gestreckte Fortsetzung des unteren Kerbschenkels, sondern ist im sogenannten "Knizerevers" nch oben umgebrochen.


8. Englische Phantasierevers für den Campusstil

Beim zweireihigen Revers ist für die stilistische Bewertung in erster Linie wesentlich, daß Kragen und Spitze des Aufschlags tadellos aneinander passen, ohne jeden Zwischenraum. Die Spitzen dürfen andererseits auch nicht zu weit über die Kragenbreite hinausgehen. Und was ihren Neigungswinkel anbetrifft, so entscheidet hierüber die Knopffront des Sakkos, der sich bei einer Trapezstellung wie beim Kentsakko natürlich auch eine prononciertere Tendenz für seine Reversspitzen leisten kann, wie bei einer Knopfstellung, deren Basis ein Rechteck ist. Sehr wesentlich ist hier schließlich aber auch noch die Lage des Einschnitts. Ist sie zu hoch, wirkt das Revers maniriert, ist sie zu tief, so verstößt das gegen die Technik. Denn einigermaßen wenigstens sollte auch hier der Grundsatz gewahrt werden, daß die Länge des Kragens, soweit man nicht zu Phantasieformen übergeht, eigentlich bestimmt wird von der Halsgrube. Sehr nachdrücklich beachtet werden muß diese Forderung jedenfalls von den sogenannten transformablen Revers, also von dem Ulsterrevers, dem torsoartigen Sliponrevers und neuerdings auch dem schlanken "Campusrevers", denn hier soll ja gegebenfalls der Kragen überall geschlossen werden können, und da wäre es nicht nur ein Schönheitsfehler, sondern auch sinnlos, wenn der schließende Knopf infolge eines zu lang heruntergezogenen Kragens - wie man das häufig sieht - zu tief liegen würde. Das gilt auch für die POW-Revers, nämlich für die Revers des Tweedraglans in der Prince-of-Wales-Fasson, die sich, um vielseitiger verwendet werden zu können, zum einreihigen Schnitt Ulsterrevers zugelegt hat, in einer Zwitterform also, wie sie ähnlich auch für Revers des Ulsterpaletots üblich ist.


9. Bis zum Tascheneinschnitt laufende "Kentrevers"; 10. Steigende Revers in einreihiger Form (Cutrevers)

Denn um diesem Mantel eine Art Universalcharakter zu geben, dürfen seine Revers ja weder zu salopp noch zu elegant sein, weswegen man sie eben waagerecht einschneidet und den Aufschlag außerdem kaum über die Kragenbreite hinausgehen läßt. Das ist dann natürlich an sich eine Bastardfasson, aber da sie begründet ist, läßt man sie gelten. Ebenso wie jetzt ganz neuerdings die steigenden Revers beim einreihigen ungemusterten Tropical-Sakko mit aufgesetzten Taschen. Denn hier gilt es, einen Kompromiß zu schaffen zwischen sommerlicher Eleganz und dem farbenfreudigen, wenn auch undessinierten Beiwerk. Ein Fall allerdings, der schon in das Kapitel der Finessen gehört und ein bezeichnendes Beispiel dafür ist, daß man sich auch in der Herrenmode alles erlauben kann, wenn man es zu begründen vermag.


11. Ulsterrevers für zweireihige Mäntel; 12. Sogenannte P.O.W. Revers für einreihige Mäntel

Deshalb schreckt man denn bei den Revers jetzt auch keineswegs mehr von Phantasieformen zurück. Von ihnen aber profitieren natürlich nur die sportlichen Modelle, weil hier für die ungewohnten Konturen praktische Erwägungen maßgebend sind. Wie bei den Golfrevers mit der kleinen angeschnittenen Golflasche zum Hochschließen des Jacketts oder wie bei der modernen französischen Jagdjoppe, die ihrem sogenannten "Danton-Kragen" in einheitlichem Schnitt auch Reverscharakter gibt."


13. Waagerecht eingeschnittene Revers des Ulsterpaletots

c) Herrenjournal 2/1950


Donnerstag, 2. Oktober 2008

Herrenjournal V: Der Windsorkragen beherrscht die Herrenmode

"Wie nach dem ersten Weltkriege, wie damals nämlich, als der Westenausschnitt erheblich größer wurde und somit auf der Brust Muster im Hemd genügend zur Geltung kommen konnten, spielt auch heute wieder das Herrenhemd entschieden eine primäre Rolle in der Anzugs-Zusammenstellung. Denn sehr oft hängt es von ihm ab, ob ein Sakko einen modischen Eindruck macht oder nicht.

Und dabei hat man nun mehr und mehr die Feststellung machen können, daß entscheidend hierfür hauptsächlich die Form des Kragens ist.

Was hat man an ihm früher nur herumlaboriert. Hier waren die Spitzen lang und flatternd, dort kurz kupiert, bald verliefen die Schenkel konvex, bald konkav; und ganz unterschiedlich war dazu auch noch der Winkelausschnitt für den Knoten der Krawatte. Es war eine verwirrende Auswahl, ein stetes Sorgenkind für den Herrenausstatter, der all' diese Formen in jeder Größe vorrätig haben mußte, verwirrend aber vor allen Dingen für den, der hier die Auswahl für sich selbst zu treffen hatte. Bis sich dann durch einen Zufall immer mehr ein Modell in den Vordergrund schieben konnte mit so charakteristischen Konturen, das einen ganz neuen Männertyp zu repräsentieren schien, wer sich mit ihm zeigte. Und das kam so:

Halbsportliches Hemd mit ausgeprägtem Bandstreifen;  Handgewebtes Sporthemd  mit gewagtem, aber sehr apartem Karomuster; Handgewebtes rein wollenes tomatenfarbenes Skihemd mit eingearbeiteten Figuren. Auch für diese sportlichen Hemden - hergestellt von der betont modischen Herrenwäschefabrik  O t t o  Ho f f ma n n ,  S a a r b r ü c k e n  - ist wegen der stärker auftragenden Sportkrawatten der sperrende Kragen gewählt.

Bis etwa in die Mitte der dreißiger Jahre war als Gesellschaftskragen in der Herrenkleidung allein der sogenannte Klappenkragen anerkannt. Nicht nur für den Frack und Smoking war er Vorschrift, sondern auch für den Cut. Als dann aber das Dinnerjackett in der zwangloseren zweireihigen Front modern wurde und sich für den zu selten verwendeten Cut als Ersatz immer mehr der sogenannte "kleine Stresemann" durchgesetzt - der schwarze Konferenzsakko mit grauem Beinkleid -, da erschien den meisten Herren ein so seriöser Kragen für die kleineren gesellschaftlichen Gelegenheiten nicht nur zu offiziell, er war ihnen hier auch zu unbequem.

Da man aber jetzt zum zweireihigen Smoking sowie zum kleinen Gesellschaftsanzug ein Hemd mit weicher Brust vorzog, ließ es sich schließlich begründen, wenn man hier statt des Klappenkragens den Umlegekragen wählte, so neuartig die Zusammenstellung - besonders beim Dinnerjackett - auch wirkte.

Natürlich aber mußte es stets ein steifer Umlegekragen sein, und da stellte sich nun folgendes heraus: Bei der sehr niedrigen Form, die die Kragen damals besaßen, hatte, wenn man zum Gesellschaftsanzug einen Langbinder trug, der Knoten desselben meist nicht den richtigen Halt. Er begann sich zu lockern, und man bekam den Kragenknopf zu sehen. Dem mußte man natürlich auf alle Fälle begegnen. Bei der üblichen Bindeweise der Krawatte war das aber nicht möglich. Man mußte ihren Knoten vielmehr fester verankern. Das geschah dann auch, und zwar durch einen Doppelknoten. Dieser nahm sich aber selbstverständlich ziemlich volumnös aus, und der Ausschnitt des Kragens war für ihn nun nicht mehr weit genug. So mußte man diesen flotter wegspreizen. Und das tat man, damit der gehaltvolle Knoten nicht eingeengt wurde, in einem Winkel von 90 Grad.

Das cremefarbene Hemd mit Manschetten und gleichem Kragen ist immer noch das elegante Standardhemd für den halboffiziellen Zweireiher, für den die Stoffmuster ein neues interessantes Dessin von  C a r l  E l l i n g ,  B e r l i n ,  in zwei verschiedenfarbigen Varianten zeigen.

Dem Gesicht gab diese Form, wie gesagt, ein völlig verändertes Aussehen. Nur wenige Herren waren es daher zunächst, die sich trauten, diese Mode mitzumachen. Aber dann sah man vielfach mit diesem Kragen des englischen Königs jüngsten Bruder, der zu den elegantesten Herren der englischen Gesellschaft gehörte und seit seiner Verheiratung mit der schönen Prinzessin Marina von Griechenland den Namen eines Herzog von Kent führte, so daß die Modeexperten damals nach ihm auch diese neuartige Kragenform benannten. Natürlich trug sie auch aus Tradition der mit der Herrenmode eng verbundene britische König. Und als er dann nach seiner Abdankung als Herzog von Windsor mit den Amerikanern in engere Berührung kam, wurde der so betont modisch wirkende Kragen nun immer populärer. Die Modegazetten der USA ließen sich eingehend über die neue Bindemethode der zugehörigen Krawatte aus. Dabei sprachen sie dann ständig von dem Windsorknoten, und so übertrug man diesen Namen unwillkürlich auch auf die Kragenform, ohne die er nicht denkbar war.

Gerade als man sich auch in Deutschland für dieses neue Kragenmodell zu interessieren begann, brach der Krieg aus, und man hatte bald in der Wäscheindustrie andere Sorgen. Trotzdem nun aber inzwischen mehr als ein Dezennium vergangen, ist dieser Kragen auch heute noch in der Weltmode der Favorit seiner Gattung. Ja sogar selbst bei den sportlichen Hemden gewinnt er mehr und mehr an Boden. Auch bei ihnen wird jetzt - zumal sie ja meist mit Krawatten aus auftragendem Material liiert sind - häufig schon der Ausschnitt für den Knoten weit ausgespart, manchmal sogar noch mehr als in dem hierfür charakteristisch gewordenen rechten Winkel, so daß Fachkreise im Ausland dann von einer 'Spreadform' sprechen."


(c) Herrenjournal 3/1950

Freitag, 26. September 2008

Herrenjournal III: Variationen zwischen USA-Front und Kent-Fasson

"Die Geschichte des modernen Zweireihers setzt ein: Ungefähr gegen Ende der zwanziger Jahre. Zu diesem Zeitpunkt nämlich stellte man fest, daß der Ausschnitt dieses Sakkos nicht mehr der Mode entsprach. Viel zu hoch überschnitten sich seine Revers, und so war hier fast gar nichts zu sehen von der Hemdbrust, und auch die Krawatte kam dabei, wenn es sich um breite Streifen, schöne Ornamente oder größere Karos handelte, nur sehr ungenügend zur Geltung. Da das Beiwerk damals aber zum ersten Male eine primäre Rolle in der Anzugszusammenstellung einnahm, war es ganz selbstverständlich, daß man ihm auch beim Zweireiher zu seinem Recht verhelfen mußte.

Werbeanzeige aus den 20er Jahren - (c) Hart, Schaffner & Marx


Und so begann man also an den Revers herumzukorrigieren. Zunächst einmal, indem man sie aushöhlte, die Hemdbrust also konisch von ihnen umranden ließ. Nur minimal aber wurde der Ausschnitt dadurch erweitert. Und so kam man denn in Paris auf die nun sehr naheliegende Lösung, einfach den obersten Schließknopf tiefer zu setzen, wodurch dann auch die Revers gestreckter wurden und folglich auch ihr Ausschnitt mehr von Hemd und Krawatte hergeben konnte. Aber dieses Modell hatte, optisch gesehen, einen Schönheitsfehler. Das unterste Knopfpaar lag nun unter der Höhe des Tascheneinschnittes, und das ergab bei dem damals verhältnismäßig kurzen Jackett eine unbefriedigende Proportion.

Auch in England hatte man sich mit diesem Problem befaßt, und hier kam man nun sehr bald auf den richtigen Weg. Ähnlich wie beim Einreiher ließ man jetzt nämlich auch beim Zweireiher einfach den oberen Schließknopf überrollen. Dadurch hatten die Revers bis zum Tascheneinschnitt Spielraum und ein großer Rahmen stand nun den immer interessanter werdenden Hemdstoffen und den dekorativen Langbindern zur Verfügung.

Offiziell anerkannt war dann dieses Modell, als sich grundsätzlich auch der elegante Herzog von Kent zu ihm bekannt, so daß der "Kentzweireiher" bald ein Begriff in der internationalen Herrenmode wurde.

Aber dann kam der Krieg, und als nach dem Waffenstillstand allmählich auch die Herrenmode wieder auflebte, da hatte diese elegante Sakkofront einen gewichtigen Konkurrenten erhalten.



Angesichts ihrer politischen Machtposition wollten nun, bei allem Respekt vor dem Hof von St. James und seiner distinguierten Herrenklasse, auch die Amerikaner ein Wort in der Mode mitreden.

Und so ging von ihnen eine starke Propaganda aus für einen neuen zweireihigen Typ, bei dem wiederum, wie einst in Paris, das untere Knopfpaar tiefer lag als der Tascheneinschnitt. Da aber gleichzeitig auch das Jackett eine größere Länge erhalten hatte, die Taille überdies nur noch angedeutet war und die Silhouette sich fast trapezartig verjüngte, war diese USA-Front, wie man diese Fasson recht bald überall nannte, ästhetisch durchaus einwandfrei. Zumal, wenn die unteren Knöpfe das "Gesetz von den Beziehungen zwischen Knöpfen und Taschen" respektieren. Danach mußte das untere Knopfpaar in Höhe der unteren Taschenpatte liegen. Verzichtete man jedoch auf diese, so hatte die Verlängerung des Tascheneinschnittes den Höhenabstand der beiden unteren Kopfpaare zu halbieren. Wie man das besonders in Schweden liebte, wo man beim Zweireiher jetzt die blinden Knöpfe fortließ und dadurch dann eine ganz neue Front erhielt, die man als "Svenskamodell" registrierte.

In der ganzen Nachkriegszeit hat nun diese Tiefknopfstellung die Konturen der Zweireiher bestimmt. Lediglich in England hat man sich um sie wenig gekümmert. Denn hier stand man auf dem Standpunkt, daß der Wunsch nach einem tiefen Ausschnitt von dem "Kentzweireiher" noch weit besser berücksichtigt worden sei, da bei ihm ja die Revers eine noch größere Länge hätten. Und als man dann anfing, die Sakkos wieder etwas mehr zu kürzen, und dadurch die Proportionen für die USA-Front wieder ungünstiger wurden, befestigte der englische Zweireiher erneut seine Stellung unter den modischen Modellen. Und sogar eine interessante Variante gibt es jetzt hier. Auch der Abstand des mittleren Knopfpaares wird nun hier und da, weil es ja nicht mehr geknöpft wird, etwas auseinandergezogen, und zwar so weit, daß es auf derselben Linie liegt, die die obersten mit den unteren Knöpfen verbinden würde. Dadurch entsteht dann eine reine Trapezfront, die dem Zweireiher zweillos einen neuen Charakter gibt.

Unter diesem Aspekt kehrt dann bei den zweireihigen Sakkos auch die Fasson wieder zurück, die man vor dem Kriege als "Smokingfront" von dem zweireihigen "Dinnerjackett" übernommen. Und zwar in zwei Variationen. Einmal in Anlehnung an die USA-Front, von der man nur das untere Knopfpaar kassiert hat. Dann aber - um eine Nuance moderner (s. S. 25) - auch mit dem unteren Knopfpaar in Höhe des Tascheneinschnittes, genau wie beim "Kentsakko", dessen Idee sich somit bei dem eleganten Zweireiher augenblicklich wieder dominierend durchgesetzt hat."


(c) Herrenjournal, 1/1950



Donnerstag, 25. September 2008

Herrenjournal I: Der hellgraue Flanellzweireiher

Dieser Beitrag startet die Serie "Herrenjournal", in der die besten Artikel, die dieses vom Freiherr von Eelking aufgelegte Magazin in den 30er und 50er Jahren zu bieten hatte, neu aufbereitet dem geneigten Leser präsentiert werden. Viele Beiträge des Herrenjournals sind nicht nur zeitgeschichtlich betrachtet eine reiche Quelle, sondern aufgrund ihrer Zeitlosigkeit auch heute von hohem informativen Wert. Den Einstieg macht dieser Beitrag aus dem Herrenjournal Nr. 5 von 1950:

Der hellgraue Flanellzweireiher

Immer zweireihig - Fünf verschiedene Fronten - Halbsportlich, aber auch korrekt - Viele Möglichkeiten für das Beiwerk.


Es gibt kaum einen Anzug, der so zu einem festen Bestand in der Garderobe jedes gut equipierten Europäers oder Amerikaners geworden ist wie der graue, helle Flanellsakko. Gut und gerne zwei Jahrzehnte lang behauptet er diese Position. Natürlich hat es - wie auch heute - nie an Versuchen gefehlt, ihm diesen Rang streitig zu machen, durch sommerlicher wirkende Stoffe, durch Panamas oder Freskos etwa oder durch effektvolle Dessins, die der Tagesmode entsprechen. Aber obwohl man sich bei diesem Material dann auch bewußt an ganz helle graue Töne gehalten, sind solche Sakkos doch bisher noch niemals ein vollwertiger Ersatz des grauen Flanellanzugs geworden. Und das hat denn auch seinen Grund. Er ist nämlich einmal so zeitlos wie man sich das nur denken kann, außerdem aber läßt er fast alle Möglichkeiten für das Beiwerk zu. Natürlich besticht das. Würde man bei ihm auf irgendein Stoffmuster Rücksicht nehmen müssen, so wäre das auch nicht annähernd der Fall. Und auch bei anderer Farbauswahl könnte man in keiner Weise gleich großzügig mit den Attributen operieren und den Anzug dann auch nicht entsprechend vielseitig verwenden. So ist es begreiflich, daß der graue Flanellanzug zu einer Popularität gekommen, die trotz aller etwa ablenkenden Modeparolen nicht zu erschüttern ist und nur verglichen werden kann mit der Rolle des ungemusterten blauen Kammgarnzweireihers, der aus der Wilhelminischen Epoche heraus als eiserner Bestand in der Garderobe des Herren in die zwanziger Jahre mithinübergenommen wurde.


Am meisten ist die Stellung des grauen Flanellanzuges dadurch befestigt worden, daß man sich in den nordischen Ländern, nachdem man ihn schätzen gelernt, bei ihm nicht einmal an die Saison gehalten, für die man ihn nach seinem hellen Ton zunächst bestimmt hatte. Für den Mitteleuropäer war das etwas Ungewöhnliches. Er konnte da noch gar nicht von der Vorstellung loskommen, daß man einen so sommerlich wirkenden Anzug auch an kalten Tagen tragen könnte. Aber in der Folgezeit hat man dann - wobei besonders das Beispiel der Schweden viel beitrug - gelernt, diese Auffassung zu korrigieren. Und das war dann erneut ein großes Plus für diesen Sakkotyp, auch wenn man von dieser Lizenz, die die Mode ihm großzügig für den Winter erteilt, abgesehen von Skandinavien und Großbritannien nur bedingt Gebrauch machte. Auf jeden Fall aber ist immer, wenn die Sonnentage zunehmen, Jahr für Jahr auch der graue Flanellanzug mit dabei, obwohl er schon lange nicht mehr besonders erwähnt wird, wenn von der neuen Kollektion die Rede ist. Mit einer fast nachtwandlerischen Intuition greift eben der modesichere Mann doch stets auf ihn zurück, allen Verlockungen der Nouveautés zum Trotz. Und daran wird sich wahrscheinlich auch noch lange nichts ändern.



Bei einer so lang anhaltenden konservativen Einstellung gegenüber einem und demselben Stoff müßte man eigentlich annehmen, daß die Mode dann wenigstens bemüht gewesen wäre, hier durch möglichst verschiedene Modelle für Abwechslung zu sorgen. Aber auch das ist nur sehr bedingt geschehen. Denn von dem Augenblick an, in dem man sich zuerst für diesen Flanellanzug interessiert, ist auch nicht ein einziges Mal die Rede gewesen von einer einreihigen Fasson. Immer war es die doppelreihige Front, die man gewählt, wenngleich auch mit all den Variationen, die sich hier als gleichberechtigt durchgesetzt haben und für die allein der persönliche Geschmack entscheidend ist. Ob man es da mit der tiefen Knopfstellung nach Art der USA-Sakkos hält oder das ganz neue "Sechsertrapez" vorzieht, fällt jedenfalls kaum nennenswert ins Gewicht. Nur eins gilt es hier genauer zu überlegen: Soll der Flanellanzug aufgesetzte Taschen haben oder nicht? Das nämlich ist ausschlaggebend für seine Verwendungsmöglichkeiten und wird damit auch zur Stilfrage. Denn an das Beiwerk eines als Klubzweireiher gearbeiteten Jacketts ist natürlich ein anderer Maßstab anzulegen als an einen Sakko ohne jede sportliche Note.
Zum Ausdruck ist dieser Unterschied besonders gekommen, als man entdeckte, daß man den grauen Flanellanzug, wenn man sich bei ihm an den korrekten Schnitt hielt, sehr wohl auch mit einem so seriösen Hut, wie dem schwarzen Homburg kombinieren kann. Und zwar in einer Zusammenstellung, die zunächst etwas abwegig erscheint, dafür aber ihren besonderen Reiz hat. Als ein Hut, der in der letzten Zeit typisch geworden ist für das "Dinnerjackett" steht dieser "Eden" natürlich jedem Versuch, ihm ein anderes Hemd als das weiße und eine andere Krawatte als eine schwarze zu attachieren, skeptisch gegenüber. An sich wäre in dieser Beziehung auch bei dem grauen Flanellanzug, der dann besonders seriös wirken kann, nichts einzuwenden, vorausgetzt, daß man nicht auf einen steifen weißen Kragen verfällt, der dem Flanell widerspricht und daß man in dem schwarzen Langbinder irgendeinen bescheidenen farbigen Effekt sehen läßt. Aber das wäre dann immer noch die Regel. Die Mode ist jedoch nun einmal immer dann am interessantesten, wenn sie sich - natürlich unter Wahrung des guten Geschmacks - zu einem Seitensprung von der Konvention entschließt. Und in diesem Fall hat sich da nun das lachsfarbene, durch seinen versteiften Kragen immer distinguiert wirkene Hemd als Partner des schwarzen, aber nicht eingefaßten Hutes ausgedacht, mit der Bedingung, daß man ihm für diese Konzession ein durchaus ebenbürtiges Pendant zur Verfügung stellt in einem schwarzgrundigen Langbinder.


Das ergibt dann - vom Abend abgesehen - einen Anzugstyp mit geradezu gesellschaftlichen Qualitäten, als Endkombination in einer Anzugsgattung, der zur Verfügung stehen alle Formen und Farben des weichen Filzhutes, alle Strohhutmodelle und Mützen, alle Hemdendessins in jedem Ton, lebhafte Krawatten ebenso wie seriöse Schleifen und auch Schuhe in allen Formen und aus allen Lederarten, so daß man sich, besonders für die Reisezeit, wirklich keinen besseren Standardanzug denken kann als eben den grauen Flanellzweireiher.