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Mittwoch, 4. März 2009

Herrenjournal XVIII: Der moderne Einreiher erhält seinen Charakter durch farbige Wäsche

"Der persönliche Geschmack in der Kleidung kommt heute hauptsächlich durch eine farblich ansprechende oder gar interessante Abstimmung zur Geltung und dem Hemd kommt in diesem Farbakkord seit einiger Zeit eine ganz besonders dominierende Stellung zu. Derart, daß man tatsächlich nach einem Grund sucht, wenn man irgendwo an Stelle eines farbigen Hemdes beim Tagesanzug ein weißes Hemd sieht.

Aber nicht allein die Möglichkeit, sich auf diese Weise eine größere Abwechslung zu schaffen, begründet das starke Interesse an dem farbigen Hemd, häufig erklärt sich seine Wahl vielmehr aus der Gelegenheit heraus. Weiße Manschetten sind nun einmal nicht überall praktisch. Wenn man - wie auf der Eisenbahn - Staub und Ruß zu nahe kommt, dann ist es bald aus mit ihrer Eleganz und damit auch mit dem gepflegten Eindruck. dann aber gibt es auch wieder manche Situation, wo weiße Wäsche zu kalt und unverbindlich wirkt und in einem hübschen farbenfrohen Bild wegen ihrer Nüchternheit stört. So hat der Anzug mit farbiger Wäsche heute tatsächlich oft eine ganz andere Aufgabe als der mit dem weißen Kragen, zumal es für gewisse Gelegenheiten sogar auch das gestärkte farbige Hemd gibt."




Gelegenheiten für den Einreiher mit farbiger Wäsche:

Büro - Eisenbahnreisen - Fahrsport (Land) - Flugzeugreisen - Frostwetter (Stadt) - Frühstück (Lunch) - Fünf-Uhr-Tee (Hotel) - Grillroom - Kaffeehaus - Kurort - Promenade - Reitturnier - Rennen - Restaurant (Bier-) - Riviera - Sportveranstaltungen
(c) Herrenjournal 1937

Donnerstag, 26. Februar 2009

Herrenjournal XVII: Der Standardsakko ist der Einreiher


"Mit weißer Wäsche zeigt er sich neutral, jedoch auch reserviert:

Wir haben uns heute an das farbige Hemd beim Straßenanzug so sehr gewöhnt, daß uns ein Sakko mit weißer Wäsche fast unmodern vorkommt und tatsächlich beinahe eine ganz andere Anzugart darzustellen scheint wie der flotter wirkende Einreiher mit farbigem Hemd. Wird nicht überhaupt durch weiße Wäsche zum Tagesanzug der Eindruck erweckt, als wolle man so einer Geschmacksprobe ausweichen oder dadurch seine Gleichgültigkeit gegen die Mode und damit auch gegen jede Anzugskultur zum Ausdruck bringen, so wird der Grund für die Wahl weißer Wäsche meist auf eine Taktfrage zurückzuführen sein. Nicht überall paßt eben ein farbiger, womöglich noch dunkelgrundiger Kragen hin. So sieht man ihn bei manchen Berufen nicht gern an dem Arbeitsplatz. Der Anzug soll hier ganz neutral wirken, und das ist verständlich. Aber diese Neutralität erreicht man auch schon durch einen weißen Kragen, der - gestärkt - auf einer farbigen Hemdbrust sogar sehr modisch und sehr reserviert aussehen kann.


Gelegenheiten für den Einreiher mit weißer Wäsche:

Büro und Geschäft - Frostwetter (Stadt) - Frühstück (Lunch) - Fünf-Uhr-Tee (Hotel) - Gartenfeste - Grillroom - Kafeehaus - Promenade - Reitturnier - Rennen - Restaurant (Bier-)"
Herrenjournal 1937

Mittwoch, 11. Februar 2009

Das Maßmodell III


"Der Dreiknopfsakko mit kurzem Revers. Unter den einreihigen Modellen ist der Sakko, bei dem von drei Knöpfen nur der mittelste geschlossen und der oberste von dem Revers überrollt wurde, seit vielen Jahren zweiffelos die populärste Form gewesen. Unter dem Einfluß des Edwardian-Style gibt man nun aber auch ihm insofern eine andere Front, als man den obersten Knopf nicht mehr von den Revers überrollen läßt, diese also kürzer hält. Trotzdem wird hier nur der mittlere Knopf geschlossen.

Die zweireihige Weste ohne Umschlag ist eine Neuheit der Auslandsmode. Da man gerade jetzt einreihige Westen wieder mit Chrochet arbeitet, verwundert diese Abänderung zunächst. Man ist hier aber von dem Gedanken ausgegangen, daß durch einen Westenumschlag bei geschlossenem Sakko Überschneidungen entstehen, die nicht vorteilhaft wirken.



Sportlicher Dreiknopfsakko. Falls man sich bei ihm nicht überhaupt für die besonders neuartige, aber auch dem Modewechsel mehr unterworfene geschlossene Front entscheidet, trägt man auch hier der neuen Tendenz durch kürzere Revers Rechnung. Der Brusttasche mit Patte zuliebe erhalten hier auch die aufgesetzten Seitentaschen Klappen. Die beiden Rückenschlitze lassen den neuen Jahrgang erkennen."
(c) Herrenjournal 1951

Donnerstag, 11. Dezember 2008

Herrenjournal X: Blau für den Interimssakko

"Wenn man mit seiner Garderobe für alle Gelegenheiten gerüstet sein will, dann ergibt sich immer wieder, daß man unbedingt einen Anzug braucht, der zwischen dem üblichen Tagessakko und dem Abenddreß rangiert, einen Anzug also, der zurückhaltend in Farbe und Dessin ist. Diesen Anspruch erfüllt am besten natürlich der schwarze Sakko. Mit silbergrauem Langbinder macht man mit ihm eine gute Figur bei Konferenzen, und mit schwarzer Krawatte hat man ihn ihm einen richtigen Anzug bei Trauerfällen. Gibt man ihm aber eine diskrete Schleife, dann ist er wie geschaffen für kleine Tänzereien oder Theaterabende, für die der Smoking aus irgendeinem Grunde zu anspruchsvoll ist.
Aber mit diesem schwarzen Sakko hat es einen Haken. Man hat doch im allgemeinen zu wenig Verwendung für ihn. Und so ist er an sich eine kostspielige Angelegenheit. Fast gar nicht kann man ihn ja für die Tagesarbeit benutzen. Ganz sicher wird man dann nämlich immer wieder gefragt: "Was haben Sie denn heute vor?" Und tatsächlich hat man in diesem offiziellen Anzug zu den Lasten, die einem der Tag auferlegt, zuviel Distanz, so daß die Arbeit in ihm meist nicht flott genug von der Hand geht.
So kommt man also für diese Verwendung auch jetzt erneut zurück auf den dunkelblauen Sakko, da er eigentlich überall den Platz einnehmen kann, den die Mode an sich für den schwarzen Sakko bestimmt hat. Denn er ist diesem überlegen, weil er sich auch durchaus mit farbenfreudigem Beiwerk kombinieren läßt, so daß er dann in keiner Weise mehr einen offiziellen Eindruck macht und man ihn infolgedessen wie jeden anderen Tagessakko verwenden kann.
Wie oft hat die Mode schon versucht, für den "Interimssakko" irgendeinen anderen Vorschlag zu machen. Aber nach kurzer Zeit schon hat sie dann stets ihre Idee wieder aufgegeben. Jedenfalls hat in diese Mission weder der graue Anzug restlos befriedigt noch der braune. Jener nicht, weil man ihn zu dunkel wählen müßte, wodurch er leicht das Aussehen eines Altherrenanzugs bekommt, dieser aber nicht, weil er selbst im Havannaton für Abendveranstaltungen doch noch zu farbig ist. Bei dem marineblauen Sakko aber wird man diesen Einwand nicht erheben, denn er sticht in der Farbe ja kaum ab von dem Mitternachtston der Smokings (s. Abbildung)."


(c) Herrenjournal 1951

Donnerstag, 30. Oktober 2008

Die Sakkotypen des Frühjahrs III: Der Büroanzug

"Abgesehen von einem möglichst unauffälligen Dessin, das es gestattet, mit Hemd- und Krawattenmuster ohne Komplikationen zu operieren und hier immer wieder für Abwechslung zu sorgen, sind für den Anzug, den man als Büroanzug nominieren könnte, folgende beide Faktoren von Bedeutung: Hat man nicht gerade einen Beruf, in dem man "à quatre épingle" angezogen sein muß, dann wird man für den Arbeitstag meist dem zwanglosen Anzugsstil den Vorzug geben vor den allzu korrekten Modellen. Also kein Promenaden- oder Teeanzug in der Art des eleganten Zweiknopfsakkos mit hohem steigendem Revers oder tiefgeschnittener zweireihiger Weste. Und dann ist es auch nicht gerade sehr bequem, wenn man an seinem Schreibtisch mit einem Zweireiher sitzt. Denn, wenn man nicht will, daß sich bei ihm in der Magengegend häßliche Querfalten einnisten, muß man ihn immer wieder aufknöpfen, wenn man sich mal erhoben hatte; immer daran zu denken, fällt manchem aber recht lästig. So ist denn der Einreiher mit dem solide fallenden Revers hier die passende Anzugsgattung.


Keineswegs braucht nun aber ds Modell simpel zu sein. Die neue Saison stellt diesmal sogar eine Form mit hochmodischen Akzenten heraus, basierend auf dem "Edwardian-Style", der überdies den Vorzug hat, daß seine charakteristischen Eigenschaften zugleich auch praktisch sind. Dies gilt von der nur oben geschlossenen Front ebenso wie von den beim Sitzen bequemen schrägen Taschen, auf die sich aus diesem Grunde ja auch die Reiter festgelegt haben.

Und schließlich sind auch die um die Jahrhundertwende üblichen und heute wieder populär werdenden Ärmelaufschläge nicht ganz ohne Sinn, denn man kann sie schnel als "Mementa" verwenden, wenn man sich eine Notiz gemacht hat, die man nicht verlegen möchte.

Den Stil der Jahrhundertwende aufnehmend auch wieder Kragennadel, teils bei Windsorform, Pendantmöglichkeiten bei Krawatte und Strumpf. Neben Camber (Model Wegener) und Snaphrim (Modell Rockel) auch Melone. Da fallende Revers: Fullbrogues zulässig.


Bei diesem Sakko hat man es denn auch mit dem Beiwerk insofern verhältnismäßig leicht, als man bei einem Modell dieser Art kaum irgendwelche Einschränkungen zu machen braucht. Gegen den gesteiften weißen Kragen läßt sich hier ebensowenig einwenden wie gegen ein farbiges Hemd mit Nadelkragen. Auch Krawatte, Taschentuch und Strümpfe können ebenso diskret als auch auf Farben eingestellt sein. Und neben den verschiedenen Hutformen bringt sich gerade hier auch die Melone wieder in Erinnerung, weil auch sie ihre Blüteperiode in der Zeit Edwards VII. hatte. Womit dieser Anzug beweist, daß er bei so verschiedenen Zusammenstellungen auch noch eine Qualifikation für allerlei andere Gelegenheiten besitzt."

Samstag, 11. Oktober 2008

Die Sakkotypen des Frühjahrs I: Der Stadteinreiher

Zwar hat vor kurzem erst der Herbst begonnen, aber da die Planung einer jeden vernünftigen Garderobe bzw. auch Neuanschaffung rechtzeitig geplant sein will, sollte man auch jetzt schon den einen oder anderen Gedanken an den Frühling verschwenden. So sieht es auch das Herrenjournal:

"Seit längerer Zeit gibt es zum erstenmal wieder bei den einreihigen Sakkos ein Modell, das insofern eine Sonderstellung einnimmt, als sein Aktionsradius verhältnismäßig begrenzt ist, denn diese Fasson ist vornehmlich für die Bannmeile der Großstadt bestimmt. Und zwar durch die korrekte Note, die diesem Sakko durch seine steigenden Revers zudiktiert wird. Der Anzug erhält durch diesen Schnitt einen Stil, der für das Beiwerk fast noch verpflichtender ist als beim Zweireiher, der sich, wenn er aus einem Cheviot gearbeitet wird, schließlich auch einmal zwanglosere Attribute wie etwa den Snapbrim leisten kann. So rangiert dieser Einreiher in gewisser Beziehung heute beinahe noch vor dem zweireihigen Anzug. Um so mehr, da man ihn hauptsächlich als Zweiknopfsakko arbeitet und er dann mit einer zweireihigen Weste oder einer Phantasieweste kombiniert wird, was seine Eleganz noch mehr unterstreicht.

Der seriöse Eindruck dieses Modells wird noch dadurch betont, daß man bei ihm alle prononcierten Muster vermeidet. Mit besonderer Vorliebe wendet man sich daher hier den Diagonalstoffen zu, die man dann besonders in Braun oder Grau wählt. In Dunkelblau oder in einem schwarzen Panamastoff hat dieses Modell aber geradezu festlichen Charakter, und es kann dann ebensogut als gesellschaftlicher Tagesanzug wie auch als kleiner Abendanzug - in diesem Fall natürlich mit Schleife - verwendet werden.


Der Stadteinreiher mit steigendem Revers bekommt eine besonders elegante Note durch die zweireihige Weste; Vielfach in Uni gehalten, belebt man diesen Anzug gern durch ein gestreiftes Hemd mit Querfront, das als Basis dienen kann für eine Krawatte mit Bandelierstreifen. Auch bei den Strümpfen empfehlen sich Streichen. Der steigenden Revers wegen nur Halfbrogues, keine Flügelkappen. Ebenso nur camberartige Hüte und kein Snab.

Die Exklusivität dieses Modells ist nun aber keineswegs ein Hinderunsgrund, es durch dekoratives oder farbiges Beiwerk zu ergänzen. Das trifft besonders für Hemd und Krawatte zu. Denn der ruhige Stoff, der heir zur Verarbeitung kommt, kann dies durchaus vertragen. So hält man sich hier, um keinen zu monotonen Eindruck zu machen, bei dem Hemd, zu dem natürlich ein Speerkragen gehört, an klassische Streifen - auf der Brust horizontal verlaufend - und bei den Krawatten meist an leuchtende Farben, unter Beschränkung auf ruhigen Fond.
Sofern der Sakko als Promenadenanzug getragen wird, können ihn natürlich - in harmonischer Beziehung zu Hemd und Krawatte - auch Strümpfe und Taschentuch diskret beleben. Und ausnahmsweise sogar auch einmal Handschuhe, wie bei allen Anzügen, die in der Klasse des Homburgstils rangieren und sich demzufolge also nur mit korrekten Hüten sehen lassen.


(c) Herrenjournal 4/1951

Mittwoch, 8. Oktober 2008

Herrenjournal VII: Was gibt es heute für Revers?

1. Kerbrevers mit langem Aufschlag; 2. "Knizerevers" mit abbrechender Spiegelnaht; 3. Fallende Revers in der gestutzten Mayerlingform

"Die Frage der Revers - in den letzten Jahrzehnten durch die einreihige und zweireihige Schablone beinahe ganz unkompliziert -beginnt neuerdings wieder recht interessant zu werden. Fast wie in der Zeit zwischen Empire und Zweitem Kaiserreich, als sich die Phantasie zwischen Kragengrenze und Rockaufschlag in vielerlei Einschnittsformen auslebte. Denn schon gibt es heute bei den Revers für den sachverständigen Blick des Fachmannes wieder rund 20 Variationen.
Gegenüber der Biedermeierzeit sind diese aber nicht Produkte eines augenblicklichen Einfalls, der sie bald hier bald da verwendet, sondern in der Hauptsache aus stilistischen Erwägungen heraus geboren. Ganz unwillkürlich hat sich das ergeben, nachdem in den letzten Saisons besonders bei den Jacketts allerlei Fassons hinzugekommen sind, mit neuen Ansprüchen und Ideen, und man auf diese Weise die Details bei den einzelnen Anzugarten genauer präzisiert und gegeneinander abgregrenzt hat. Die Revers aber sind bei dieser Differenzierung eines der markantesten Mittel, denn die Skizzierung ihrer Fasson genügt bereits als Anhaltspunkt dafür, mit welcher Art Kleidungsstück man es zu tun hat. Wohlgemerkt, bei etwa zwanzig verschiedenen Reversformen.


4. Golfrevers mit angeschnittener Lasche; 5. Sliponrevers

Besonders interessant ist diese kleine Reversgrammatik jetzt dadurch geworden, daß es sich allmählich als zweckmäßig erwiesen hat, für die einzelnen Reversarten nach bestimmten Namen zu suchen, durch die man sie ohne weiteres voneinander unterscheiden kann. Und zwar ganz unabhängig von dem modischen Moment, das bei den Revers selbstverständlich auch häufig wechselt - hier beispielsweise bald "Kehlrevers", bald "Bogenrevers" propagiert - und das oft genug zum charateristischen Ausdruck einer Saison geworden ist. Bei den Stilfragen aber handelt es sich um mehr.


6. Transformable Revers; 7. Französisches Phantasierevers à la Danton für Jagdjacketts

Die hier entscheidet ja nicht ein vorübergehendes Modediktat über die Form, sondern eine teils aus praktischen, teils aus ästhetischen Ansprüchen entwickelte Logik, durch die man für die Revers zunächst zu einer Einteilung in fünf Gruppen kommt. Deutlich unterscheiden sich da voneinander: die fallenden Revers, die steigenden Revers, die transformablen Revers, die Zwitterrevers und die Phantasie- oder Spezialrevers. Und alle diese fünf Gruppen haben nun wieder ihre verschiedenen Variationen. Selbst die an sich so einfach konstruierten fallenden Revers.
Je nachdem nämlich ihre Kanten eckig verlaufen oder abgerundet sind, spricht man hier jetzt von Kerb- oder Kurvenrevers (in der Damenmode "Cupidorevers"), wobei man jene mehr für die längeren Formen, diese mehr für die höher geschlossenen Sakkos vorsieht. Daneben hat sich dann das nur in der Taille geschlossene Dreiknopfjackett auch noch die Rollrevers reserviert. Und nicht ganz unwichtig ist bei den fallenden Revers auch der Winkelgrad, in dem sich Kragen und Aufschlag treffen. Denn für die Mayerlingform, die man jetzt - als Resonanz gewissermaßen auf die transformablen Kragen des modernen Norfolks - hier und da bei dem Einreiher zu sehen bekommt, schneidet man die Reverskerbe mit Überlegung nicht, wie vorwiegend beim Zweiknopfsakko, rechtwinklig, sondern spitzwinklig ein, was dann auch den Verlauf der Spiegelnaht beeinflußt. Sie bildet nun hier nämlich nicht die gestreckte Fortsetzung des unteren Kerbschenkels, sondern ist im sogenannten "Knizerevers" nch oben umgebrochen.


8. Englische Phantasierevers für den Campusstil

Beim zweireihigen Revers ist für die stilistische Bewertung in erster Linie wesentlich, daß Kragen und Spitze des Aufschlags tadellos aneinander passen, ohne jeden Zwischenraum. Die Spitzen dürfen andererseits auch nicht zu weit über die Kragenbreite hinausgehen. Und was ihren Neigungswinkel anbetrifft, so entscheidet hierüber die Knopffront des Sakkos, der sich bei einer Trapezstellung wie beim Kentsakko natürlich auch eine prononciertere Tendenz für seine Reversspitzen leisten kann, wie bei einer Knopfstellung, deren Basis ein Rechteck ist. Sehr wesentlich ist hier schließlich aber auch noch die Lage des Einschnitts. Ist sie zu hoch, wirkt das Revers maniriert, ist sie zu tief, so verstößt das gegen die Technik. Denn einigermaßen wenigstens sollte auch hier der Grundsatz gewahrt werden, daß die Länge des Kragens, soweit man nicht zu Phantasieformen übergeht, eigentlich bestimmt wird von der Halsgrube. Sehr nachdrücklich beachtet werden muß diese Forderung jedenfalls von den sogenannten transformablen Revers, also von dem Ulsterrevers, dem torsoartigen Sliponrevers und neuerdings auch dem schlanken "Campusrevers", denn hier soll ja gegebenfalls der Kragen überall geschlossen werden können, und da wäre es nicht nur ein Schönheitsfehler, sondern auch sinnlos, wenn der schließende Knopf infolge eines zu lang heruntergezogenen Kragens - wie man das häufig sieht - zu tief liegen würde. Das gilt auch für die POW-Revers, nämlich für die Revers des Tweedraglans in der Prince-of-Wales-Fasson, die sich, um vielseitiger verwendet werden zu können, zum einreihigen Schnitt Ulsterrevers zugelegt hat, in einer Zwitterform also, wie sie ähnlich auch für Revers des Ulsterpaletots üblich ist.


9. Bis zum Tascheneinschnitt laufende "Kentrevers"; 10. Steigende Revers in einreihiger Form (Cutrevers)

Denn um diesem Mantel eine Art Universalcharakter zu geben, dürfen seine Revers ja weder zu salopp noch zu elegant sein, weswegen man sie eben waagerecht einschneidet und den Aufschlag außerdem kaum über die Kragenbreite hinausgehen läßt. Das ist dann natürlich an sich eine Bastardfasson, aber da sie begründet ist, läßt man sie gelten. Ebenso wie jetzt ganz neuerdings die steigenden Revers beim einreihigen ungemusterten Tropical-Sakko mit aufgesetzten Taschen. Denn hier gilt es, einen Kompromiß zu schaffen zwischen sommerlicher Eleganz und dem farbenfreudigen, wenn auch undessinierten Beiwerk. Ein Fall allerdings, der schon in das Kapitel der Finessen gehört und ein bezeichnendes Beispiel dafür ist, daß man sich auch in der Herrenmode alles erlauben kann, wenn man es zu begründen vermag.


11. Ulsterrevers für zweireihige Mäntel; 12. Sogenannte P.O.W. Revers für einreihige Mäntel

Deshalb schreckt man denn bei den Revers jetzt auch keineswegs mehr von Phantasieformen zurück. Von ihnen aber profitieren natürlich nur die sportlichen Modelle, weil hier für die ungewohnten Konturen praktische Erwägungen maßgebend sind. Wie bei den Golfrevers mit der kleinen angeschnittenen Golflasche zum Hochschließen des Jacketts oder wie bei der modernen französischen Jagdjoppe, die ihrem sogenannten "Danton-Kragen" in einheitlichem Schnitt auch Reverscharakter gibt."


13. Waagerecht eingeschnittene Revers des Ulsterpaletots

c) Herrenjournal 2/1950


Donnerstag, 25. September 2008

Herrenjournal II: Der Einreiher ist wieder Favorit

"Seit etwa einem Jahr hat sich bei den korrekten Stadtsakkos, die sich die letzten Jahre hindurch mit Vorliebe an die zweireihige Form hielten, allmählich wieder der Einreiher in den Vordergrund geschoben. Zunächst noch ohne Anspruch darauf, auch einmal wieder als offizieller Anzug gewertet zu werden. Denn in den USA entschied man sich hauptsächlich immer deswegen für ihn, weil man bei ihm besser als beim Zweireiher die für die Neue Welt charakteristischen, so phantasievollen, großgemusterten Krawatten zur Geltung bringen konnte. Ihretwegen wurde bei ihm auch der Ausschnitt so tief gehalten wie nur möglich und die Revers bis zur Taille gestreckt, so daß die zweiknöpfige Front die Norm wurde. In diesem Schnitt erlangte der einreihige Anzug drüben bald eine so große Popularität, daß man ihn gewissermaßen zum "Weltsakko Nr. 1" erklären konnte.
Dies um so mehr, weil der Einreiher in dieser Form inzwischen immer häufiger auch auf dem Kontinent wieder in Erscheinung trat. Hier war es vor allem Paris, das sich für ihn interessierte. Aus einem anderen Grunde aber als die Yankees. Denn dem Bonvivant der Seinestadt gab dieser Sakko die Möglichkeit, erneut in der Anzugszusammenstellung auch die Phantasieweste mitsprechen zu lassen, für die man dort von jeher ein Faible gehabt.

Beim Tageseinreiher bringt die Mode jetzt einen neuen Stil durch eine hochgeschlossene Fasson à la Meyerling

Und da gab es da noch einen anderen wichtigen Punkt, der auch dafür sprach, den Einreiher wieder stärker konkurrieren zu lassen mit dem Zweireiher: Für das Dinnerjackett hatte man sich inzwischen fast allgemein für die zweireihige Form entschieden, weil diese wegen der fehlenden attraktiven Weste für den zwanglosen Umlegekragen und die halbsteife Hemdbrust geeigneter war als der einreihige Smoking.
Um sich von dieser Smokingform möglichst wenig zu unterscheiden, wurde dann auch für den Gesellschaftssakko immer mehr der zweireihige Schnitt gewählt. So kam der Zweireiher vorübergehend zu einer unbedingten Vormachtsstellung, gegen die man sich aber allmählich aufzulehnen begann, weil sie eine gewisse Monotonie zur Folge gehabt hätte. Ihr begegnet man also nun durch eine stärkere Herausstellung des einreihigen Sakkos.



Ein neues Moment für den einreihigen Sakko bringt die sogenannte "Flaptasche". Sie harmoniert besonders gut mit der nun auch wieder hochgeschlossenen Front.

Mit dem gesteigerten Interesse an ihm kam natürlich nun auch der Wunsch auf, hier nach Möglichkeit zu variieren, und so fand sich bald unter den neuen Modellen der einreihigen Sakkos nicht nur die Fasson mit steigendem Revers, die man lange Zeit hindurch nur noch bei dem als Cutersatz dienenden Jackett gesehen, sondern auch - als Reagenz auf die Tiefknopffront - der oben geschlossene Dreiknopfsakko mit kurzem Revers; in Anlehnung an die Mode der achtziger Jahre, an diese Zeit, als man sich in der Herrenmode vielfach nach Wien richtete, wo der elegante Kreis der aristokratischen Lebemänner um den Thronfolger den Ton angab. Man hatte nämlich jetzt in Paris die Tragödie dieses Habsburgers mit der schönen Baronesse Vetsera auf die Bühne gebracht und durch den Erfolg, den das Stück von Jean Barré erzielt, entdeckte man nun auch, in Parallelität mit der Damenmode, sein Herz für diese sonst so unbeschwerte Zeit, indem man die damalige Anzugstendenz wieder aufleben ließ in einem Sakko à la Mayerling, genannt nach jenem unseligen Ort, wo das berühmte Liebespaar auf eine bisher noch immer unaufgeklärte Weise ums Leben gekommen.



Person rechts: An die Zweiknopffront (hier mit "Kerbrevers" à la Knize) hält man sich heute hauptsächlich dann, wenn man die Weste - in diesem Falle aus Kamelhaarmaterial gestrickt - zur Geltung kommen lassen will.

Person links: Eine neue Variante des "Paddockstils", das Modell eines Londoner Westendschneiders, mit steigendem Revers, schrägen Taschen und Ärmelaufschlägen."

(c) Herrenjournal, 1/1950